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Die Screentechnik: Trauma aus sicherer Distanz betrachten

Traumatische Erinnerungen direkt zu konfrontieren kann überwältigend sein. Die Screentechnik (auch Bildschirmtechnik oder Kinotechnik genannt) bietet einen sicheren Weg, belastende Ereignisse zu bearbeiten - mit Distanz, Kontrolle und Sicherheit.

Was ist die Screentechnik?

Das Grundprinzip

Der Patient betrachtet eine traumatische Erinnerung wie einen Film auf einer Leinwand - er ist nicht mittendrin, sondern Zuschauer im sicheren Kinosaal.

Metaphorische Ebenen:

  1. Patient sitzt im Kinosaal = Sichere Gegenwart
  2. Leinwand zeigt die Szene = Traumatische Vergangenheit
  3. Abstand zwischen Sitz und Leinwand = Therapeutische Distanz

Warum funktioniert das?

Distanz reduziert Überwältigung:

  • Traumatische Erinnerungen aktivieren das Angstsystem
  • Direkte Konfrontation kann retraumatisieren
  • Distanz ermöglicht Verarbeitung ohne Überforderung
  • Der Patient behält Kontrolle

Für wen ist die Screentechnik geeignet?

Indikationen

  • PTBS - Posttraumatische Belastungsstörung
  • Einzelne traumatische Ereignisse (Unfälle, Überfälle, etc.)
  • Phobien mit traumatischem Ursprung
  • Belastende Erinnerungen, die intrusive Gedanken auslösen
  • Trauerarbeit nach Verlusterlebnissen

Kontraindikationen

Vorsicht bei:

  • Komplexem Trauma (hier sind spezialisierte Methoden nötig)
  • Dissoziativen Störungen (zu viel Distanz kann schädlich sein)
  • Akuten psychotischen Symptomen
  • Unzureichender Stabilisierung (erst Ressourcenarbeit!)

Der therapeutische Prozess

Phase 1: Stabilisierung (WICHTIG!)

Vor der Screentechnik MUSS der Patient stabilisiert sein:

  1. Sicherer Ort etabliert - Innerer Rückzugsraum
  2. Ressourcen aktiviert - Stärken und Bewältigungsstrategien
  3. Affektregulation - Fähigkeit, Emotionen zu kontrollieren
  4. Vertrauensvolle therapeutische Beziehung

Goldene Regel: Keine Traumaarbeit ohne Stabilisierung!

Phase 2: Vorbereitung in Trance

Tranceinduktion

"Schließen Sie Ihre Augen... spüren Sie Ihren Atem... mit jedem Ausatmen sinken Sie tiefer... in einen sicheren, entspannten Zustand..."

Den sicheren Ort aufsuchen

"Und jetzt gehen Sie zu Ihrem sicheren Ort... dem Ort, an dem Sie sich völlig geborgen fühlen... nehmen Sie sich Zeit... spüren Sie die Sicherheit..."

Phase 3: Das Kino erschaffen

"Und von diesem sicheren Ort aus... können Sie sich vorstellen, dass Sie in einem Kinosaal sitzen... einem sehr bequemen, sicheren Kinosaal... Sie sitzen weit hinten... in der letzten Reihe... und vor Ihnen ist eine Leinwand... noch dunkel... noch leer..."

Wichtige Elemente:

  • Bequemer Sitz = Sicherheit, Kontrolle
  • Weit hinten = Maximale Distanz
  • Ausgang in Reichweite = Fluchtmöglichkeit (symbolisch)
  • Fernbedienung in der Hand = Kontrolle über den Film

Phase 4: Kontrollelemente einführen

"Und Sie halten eine Fernbedienung in der Hand... mit dieser Fernbedienung können Sie:

  • Play drücken - der Film läuft
  • Pause drücken - der Film hält an
  • Zurückspulen - Sie sehen eine Szene noch einmal
  • Vorspulen - Sie überspringen belastende Teile
  • Ausschalten - der Film stoppt komplett
  • Lautstärke regeln - lauter oder leiser
  • Schwarz-Weiß schalten - Farbe entfernen (reduziert Intensität)

Sie haben die volle Kontrolle... jederzeit..."

Phase 5: Das Ereignis auf die Leinwand bringen

"Und jetzt... wenn Sie bereit sind... können Sie zulassen, dass auf der Leinwand... ein Bild erscheint... ein Bild von dem Ereignis, das Sie bearbeiten möchten... erst nur ein Standbild... schwarz-weiß... ganz ruhig... Sie sitzen sicher im Kinosaal... weit entfernt..."

Graduelles Vorgehen:

  1. Standbild (nicht bewegend)
  2. Schwarz-Weiß (weniger emotional)
  3. Ohne Ton (reduzierte Sinneseindrücke)
  4. Aus der Ferne (maximale Distanz)

Phase 6: Dosierte Annäherung

Nur wenn der Patient stabil ist:

"Und wenn Sie möchten... können Sie auf Play drücken... der Film läuft langsam... in schwarz-weiß... ohne Ton... und Sie beobachten... was damals geschehen ist... aus sicherer Entfernung... Sie sind nur Zuschauer..."

Therapeut beobachtet:

  • Körpersprache (Anspannung?)
  • Atmung (flach, schnell?)
  • Gesichtsausdruck (Angst, Panik?)

Bei Anzeichen von Überwältigung: STOPP!

Phase 7: Neubewertung und Integration

Erwachsenen-Perspektive einbringen

"Und während Sie diesen Film sehen... können Sie als erwachsener Mensch von heute... erkennen, was damals geschehen ist... Sie haben heute Ressourcen, die Sie damals nicht hatten... Sie sind heute sicher... das Ereignis ist vorbei..."

Hilfreiche Figur einführen

Optional:

"Und vielleicht können Sie sich vorstellen... dass jemand in den Film hineingeht... jemand, der hilft... vielleicht Sie selbst als erwachsener Mensch... der diesem jüngeren Ich beisteht... tröstet... beschützt..."

Phase 8: Rückkehr

"Und wenn Sie bereit sind... schalten Sie den Film aus... die Leinwand wird dunkel... Sie stehen auf... verlassen den Kinosaal... kehren zurück zu Ihrem sicheren Ort... und von dort... mit einem tiefen Atemzug... zurück ins Hier und Jetzt..."

Wichtige Sicherheitselemente

1. Die Fernbedienung

Symbolisiert Kontrolle

  • Patient kann jederzeit pausieren
  • Reduziert Hilflosigkeitsgefühl
  • Gibt Sicherheit

2. Die Distanz

Physische Metapher für emotionale Distanz

  • Nicht mittendrin, sondern Zuschauer
  • Vergangenheit vs. Gegenwart
  • Dort vs. hier

3. Der Ausstieg

Jederzeit möglich

"Wenn es zu viel wird, können Sie einfach die Augen öffnen und zurückkommen."

4. Schwarz-Weiß-Modus

Reduziert emotionale Intensität

  • Farbe = emotional intensiver
  • Schwarz-Weiß = neutraler, dokumentarischer

Variationen der Technik

1. Die Doppel-Kino-Technik

Patient sitzt in einem Kino und beobachtet sich selbst in einem anderen Kino, der den Film sieht.

Doppelte Distanz = noch sicherer (für schwere Traumata)

2. Die Fernseh-Variante

Statt Kino: Fernseher mit sehr kleinem Bildschirm

  • Für Patienten, denen Kino zu überwältigend ist
  • Kleinerer Bildschirm = weniger bedrohlich

3. Die Foto-Variante

Statt Film: Standbilder durchblättern

  • Noch weniger Bewegung
  • Mehr Kontrolle
  • Für sehr ängstliche Patienten

4. Die Comic-Variante

Traumatische Szene wird als Comic gezeichnet

  • Abstrahierung reduziert Realitätsnähe
  • Gut für Kinder und kreative Erwachsene

Kombination mit anderen Techniken

Mit EMDR

Nach der Screentechnik: Bilaterale Stimulation zur Verarbeitung

Mit Ressourcenarbeit

Vor der Traumaszene: Ressourcenfilm ansehen (Erfolge, Stärke, Liebe)

Mit Teilearbeit

Das "verletzte innere Kind" auf der Leinwand vom "erwachsenen Ich" trösten lassen

Häufige Probleme und Lösungen

Problem: "Ich sehe nichts!"

Lösung: "Das ist okay. Wissen Sie einfach, was dort wäre. Oder spüren Sie es."

Problem: "Es ist zu nah!"

Lösung: "Gehen Sie weiter nach hinten im Kinosaal. Oder machen Sie den Bildschirm kleiner."

Problem: "Ich bin mittendrin!"

Lösung: "Treten Sie heraus aus dem Film. Setzen Sie sich zurück in den Kinosaal. Sie sind Zuschauer, nicht Teilnehmer."

Problem: "Es überwältigt mich!"

Lösung: SOFORT ABBRECHEN "Öffnen Sie die Augen. Spüren Sie Ihre Füße auf dem Boden. Sie sind hier, im Raum, in Sicherheit."

Integration und Nachsorge

Nach der Sitzung

  1. Nachbesprechung: Was haben Sie erlebt?
  2. Stabilisierung: Rückkehr ins Hier und Jetzt
  3. Hausaufgabe: Sicherer Ort täglich üben
  4. Notfallplan: Was tun bei Flashbacks?

Langfristige Verarbeitung

Traumaarbeit ist kein Einmalprozess:

  • Mehrere Sitzungen können nötig sein
  • Zwischen Sitzungen: Stabilisierung
  • Gradueller Fortschritt statt schnelle "Heilung"

Ethische Überlegungen

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Nicht zu früh:

  • Patient muss stabilisiert sein
  • Ressourcen müssen vorhanden sein
  • Therapeutische Beziehung muss tragfähig sein

Nicht zu spät:

  • Vermeidung kann chronifizieren
  • Trauma sollte bearbeitet werden, wenn Patient bereit ist

Informierte Einwilligung

Patient muss verstehen:

  • Was passieren wird
  • Dass es belastend sein kann
  • Dass er jederzeit stoppen kann
  • Dass Kontrolle bei ihm liegt

Fazit

Die Screentechnik ist eine sichere, kontrollierte Methode zur Traumabearbeitung:

  • Distanz schützt vor Überwältigung
  • Kontrolle gibt Sicherheit
  • Graduelles Vorgehen respektiert Grenzen
  • Integration ermöglicht Heilung

Therapeutische Weisheit:

"Trauma muss gefühlt werden, um zu heilen - aber nicht erneut durchlebt."

Die Screentechnik bietet genau diesen Mittelweg: Fühlen mit Sicherheit.


Download: Screentechnik.docx

Literatur:

  • Reddemann, Luise: "Imagination als heilsame Kraft"
  • Shapiro, Francine: "EMDR" (kombinierbar mit Screentechnik)

Schweizer Institut für Medizinische Hypnose www.simh.ch

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