Die Screentechnik: Trauma aus sicherer Distanz betrachten
Traumatische Erinnerungen direkt zu konfrontieren kann überwältigend sein. Die Screentechnik (auch Bildschirmtechnik oder Kinotechnik genannt) bietet einen sicheren Weg, belastende Ereignisse zu bearbeiten - mit Distanz, Kontrolle und Sicherheit.
Was ist die Screentechnik?
Das Grundprinzip
Der Patient betrachtet eine traumatische Erinnerung wie einen Film auf einer Leinwand - er ist nicht mittendrin, sondern Zuschauer im sicheren Kinosaal.
Metaphorische Ebenen:
- Patient sitzt im Kinosaal = Sichere Gegenwart
- Leinwand zeigt die Szene = Traumatische Vergangenheit
- Abstand zwischen Sitz und Leinwand = Therapeutische Distanz
Warum funktioniert das?
Distanz reduziert Überwältigung:
- Traumatische Erinnerungen aktivieren das Angstsystem
- Direkte Konfrontation kann retraumatisieren
- Distanz ermöglicht Verarbeitung ohne Überforderung
- Der Patient behält Kontrolle
Für wen ist die Screentechnik geeignet?
Indikationen
- PTBS - Posttraumatische Belastungsstörung
- Einzelne traumatische Ereignisse (Unfälle, Überfälle, etc.)
- Phobien mit traumatischem Ursprung
- Belastende Erinnerungen, die intrusive Gedanken auslösen
- Trauerarbeit nach Verlusterlebnissen
Kontraindikationen
Vorsicht bei:
- Komplexem Trauma (hier sind spezialisierte Methoden nötig)
- Dissoziativen Störungen (zu viel Distanz kann schädlich sein)
- Akuten psychotischen Symptomen
- Unzureichender Stabilisierung (erst Ressourcenarbeit!)
Der therapeutische Prozess
Phase 1: Stabilisierung (WICHTIG!)
Vor der Screentechnik MUSS der Patient stabilisiert sein:
- Sicherer Ort etabliert - Innerer Rückzugsraum
- Ressourcen aktiviert - Stärken und Bewältigungsstrategien
- Affektregulation - Fähigkeit, Emotionen zu kontrollieren
- Vertrauensvolle therapeutische Beziehung
Goldene Regel: Keine Traumaarbeit ohne Stabilisierung!
Phase 2: Vorbereitung in Trance
Tranceinduktion
"Schließen Sie Ihre Augen... spüren Sie Ihren Atem... mit jedem Ausatmen sinken Sie tiefer... in einen sicheren, entspannten Zustand..."
Den sicheren Ort aufsuchen
"Und jetzt gehen Sie zu Ihrem sicheren Ort... dem Ort, an dem Sie sich völlig geborgen fühlen... nehmen Sie sich Zeit... spüren Sie die Sicherheit..."
Phase 3: Das Kino erschaffen
"Und von diesem sicheren Ort aus... können Sie sich vorstellen, dass Sie in einem Kinosaal sitzen... einem sehr bequemen, sicheren Kinosaal... Sie sitzen weit hinten... in der letzten Reihe... und vor Ihnen ist eine Leinwand... noch dunkel... noch leer..."
Wichtige Elemente:
- Bequemer Sitz = Sicherheit, Kontrolle
- Weit hinten = Maximale Distanz
- Ausgang in Reichweite = Fluchtmöglichkeit (symbolisch)
- Fernbedienung in der Hand = Kontrolle über den Film
Phase 4: Kontrollelemente einführen
"Und Sie halten eine Fernbedienung in der Hand... mit dieser Fernbedienung können Sie:
- Play drücken - der Film läuft
- Pause drücken - der Film hält an
- Zurückspulen - Sie sehen eine Szene noch einmal
- Vorspulen - Sie überspringen belastende Teile
- Ausschalten - der Film stoppt komplett
- Lautstärke regeln - lauter oder leiser
- Schwarz-Weiß schalten - Farbe entfernen (reduziert Intensität)
Sie haben die volle Kontrolle... jederzeit..."
Phase 5: Das Ereignis auf die Leinwand bringen
"Und jetzt... wenn Sie bereit sind... können Sie zulassen, dass auf der Leinwand... ein Bild erscheint... ein Bild von dem Ereignis, das Sie bearbeiten möchten... erst nur ein Standbild... schwarz-weiß... ganz ruhig... Sie sitzen sicher im Kinosaal... weit entfernt..."
Graduelles Vorgehen:
- Standbild (nicht bewegend)
- Schwarz-Weiß (weniger emotional)
- Ohne Ton (reduzierte Sinneseindrücke)
- Aus der Ferne (maximale Distanz)
Phase 6: Dosierte Annäherung
Nur wenn der Patient stabil ist:
"Und wenn Sie möchten... können Sie auf Play drücken... der Film läuft langsam... in schwarz-weiß... ohne Ton... und Sie beobachten... was damals geschehen ist... aus sicherer Entfernung... Sie sind nur Zuschauer..."
Therapeut beobachtet:
- Körpersprache (Anspannung?)
- Atmung (flach, schnell?)
- Gesichtsausdruck (Angst, Panik?)
Bei Anzeichen von Überwältigung: STOPP!
Phase 7: Neubewertung und Integration
Erwachsenen-Perspektive einbringen
"Und während Sie diesen Film sehen... können Sie als erwachsener Mensch von heute... erkennen, was damals geschehen ist... Sie haben heute Ressourcen, die Sie damals nicht hatten... Sie sind heute sicher... das Ereignis ist vorbei..."
Hilfreiche Figur einführen
Optional:
"Und vielleicht können Sie sich vorstellen... dass jemand in den Film hineingeht... jemand, der hilft... vielleicht Sie selbst als erwachsener Mensch... der diesem jüngeren Ich beisteht... tröstet... beschützt..."
Phase 8: Rückkehr
"Und wenn Sie bereit sind... schalten Sie den Film aus... die Leinwand wird dunkel... Sie stehen auf... verlassen den Kinosaal... kehren zurück zu Ihrem sicheren Ort... und von dort... mit einem tiefen Atemzug... zurück ins Hier und Jetzt..."
Wichtige Sicherheitselemente
1. Die Fernbedienung
Symbolisiert Kontrolle
- Patient kann jederzeit pausieren
- Reduziert Hilflosigkeitsgefühl
- Gibt Sicherheit
2. Die Distanz
Physische Metapher für emotionale Distanz
- Nicht mittendrin, sondern Zuschauer
- Vergangenheit vs. Gegenwart
- Dort vs. hier
3. Der Ausstieg
Jederzeit möglich
"Wenn es zu viel wird, können Sie einfach die Augen öffnen und zurückkommen."
4. Schwarz-Weiß-Modus
Reduziert emotionale Intensität
- Farbe = emotional intensiver
- Schwarz-Weiß = neutraler, dokumentarischer
Variationen der Technik
1. Die Doppel-Kino-Technik
Patient sitzt in einem Kino und beobachtet sich selbst in einem anderen Kino, der den Film sieht.
Doppelte Distanz = noch sicherer (für schwere Traumata)
2. Die Fernseh-Variante
Statt Kino: Fernseher mit sehr kleinem Bildschirm
- Für Patienten, denen Kino zu überwältigend ist
- Kleinerer Bildschirm = weniger bedrohlich
3. Die Foto-Variante
Statt Film: Standbilder durchblättern
- Noch weniger Bewegung
- Mehr Kontrolle
- Für sehr ängstliche Patienten
4. Die Comic-Variante
Traumatische Szene wird als Comic gezeichnet
- Abstrahierung reduziert Realitätsnähe
- Gut für Kinder und kreative Erwachsene
Kombination mit anderen Techniken
Mit EMDR
Nach der Screentechnik: Bilaterale Stimulation zur Verarbeitung
Mit Ressourcenarbeit
Vor der Traumaszene: Ressourcenfilm ansehen (Erfolge, Stärke, Liebe)
Mit Teilearbeit
Das "verletzte innere Kind" auf der Leinwand vom "erwachsenen Ich" trösten lassen
Häufige Probleme und Lösungen
Problem: "Ich sehe nichts!"
Lösung: "Das ist okay. Wissen Sie einfach, was dort wäre. Oder spüren Sie es."
Problem: "Es ist zu nah!"
Lösung: "Gehen Sie weiter nach hinten im Kinosaal. Oder machen Sie den Bildschirm kleiner."
Problem: "Ich bin mittendrin!"
Lösung: "Treten Sie heraus aus dem Film. Setzen Sie sich zurück in den Kinosaal. Sie sind Zuschauer, nicht Teilnehmer."
Problem: "Es überwältigt mich!"
Lösung: SOFORT ABBRECHEN "Öffnen Sie die Augen. Spüren Sie Ihre Füße auf dem Boden. Sie sind hier, im Raum, in Sicherheit."
Integration und Nachsorge
Nach der Sitzung
- Nachbesprechung: Was haben Sie erlebt?
- Stabilisierung: Rückkehr ins Hier und Jetzt
- Hausaufgabe: Sicherer Ort täglich üben
- Notfallplan: Was tun bei Flashbacks?
Langfristige Verarbeitung
Traumaarbeit ist kein Einmalprozess:
- Mehrere Sitzungen können nötig sein
- Zwischen Sitzungen: Stabilisierung
- Gradueller Fortschritt statt schnelle "Heilung"
Ethische Überlegungen
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Nicht zu früh:
- Patient muss stabilisiert sein
- Ressourcen müssen vorhanden sein
- Therapeutische Beziehung muss tragfähig sein
Nicht zu spät:
- Vermeidung kann chronifizieren
- Trauma sollte bearbeitet werden, wenn Patient bereit ist
Informierte Einwilligung
Patient muss verstehen:
- Was passieren wird
- Dass es belastend sein kann
- Dass er jederzeit stoppen kann
- Dass Kontrolle bei ihm liegt
Fazit
Die Screentechnik ist eine sichere, kontrollierte Methode zur Traumabearbeitung:
- Distanz schützt vor Überwältigung
- Kontrolle gibt Sicherheit
- Graduelles Vorgehen respektiert Grenzen
- Integration ermöglicht Heilung
Therapeutische Weisheit:
"Trauma muss gefühlt werden, um zu heilen - aber nicht erneut durchlebt."
Die Screentechnik bietet genau diesen Mittelweg: Fühlen mit Sicherheit.
Download: Screentechnik.docx
Literatur:
- Reddemann, Luise: "Imagination als heilsame Kraft"
- Shapiro, Francine: "EMDR" (kombinierbar mit Screentechnik)
Schweizer Institut für Medizinische Hypnose www.simh.ch
