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Hypnotherapie bei Trauma – wenn die Vergangenheit nicht vergangen ist

Hypnotherapie bei Trauma – wenn die Vergangenheit nicht vergangen ist

Ein schwerer Verkehrsunfall, der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, ein Überfall oder eine Missbrauchserfahrung können das Leben eines Menschen innerhalb kürzester Zeit verändern. Etwas geschieht, das die bisherigen Möglichkeiten, mit Belastungen umzugehen, überfordert. Obwohl das Ereignis längst vorbei ist, reagiert der Mensch manchmal noch Monate oder Jahre später so, als wäre die Gefahr weiterhin gegenwärtig.

Bilder drängen sich auf, bestimmte Geräusche oder Gerüche lösen plötzlich intensive Gefühle aus, der Körper reagiert mit Angst und Anspannung. Manche Menschen vermeiden Orte oder Situationen, die sie an das Erlebte erinnern. Andere berichten von einem Gefühl der Erstarrung oder davon, dass ein Teil von ihnen noch immer in der damaligen Situation festzustecken scheint.

Hypnotherapie bietet besondere Möglichkeiten, solche traumatischen Erfahrungen zu bearbeiten.

Von welcher Form von Trauma sprechen wir?

Trauma ist nicht gleich Trauma. In diesem Beitrag geht es um Menschen, die sich grundsätzlich psychisch stabil entwickelt haben und durch ein oder mehrere umschriebene Ereignisse traumatisiert wurden: beispielsweise durch einen schweren Unfall, den plötzlichen Verlust eines nahestehenden Menschen, Gewalt oder eine Missbrauchserfahrung.

Davon zu unterscheiden sind langjährige und wiederholte Traumatisierungen insbesondere in der frühen Kindheit, die die gesamte Persönlichkeitsentwicklung und die Fähigkeit zur Regulation von Emotionen und Beziehungen beeinflussen können. Solche komplexen Traumafolgestörungen benötigen häufig ein anderes, stärker stabilisierendes und längerfristiges therapeutisches Vorgehen.

Die hier beschriebene hypnotherapeutische Traumabearbeitung ist deshalb nicht als allgemeines Vorgehen für jede Form von Traumatisierung zu verstehen.

Wenn eine Erinnerung sich wie Gegenwart anfühlt

Eine Besonderheit traumatischer Erinnerungen besteht darin, dass sie nicht immer wie gewöhnliche Erinnerungen erlebt werden.

Normalerweise können wir an ein belastendes Ereignis zurückdenken und gleichzeitig wissen und spüren: Das war damals – und heute bin ich hier.

Bei traumatischen Erfahrungen kann genau diese zeitliche Einordnung gestört sein. Ein Bild, ein Geräusch, ein Geruch oder eine bestimmte Körperempfindung kann genügen, und plötzlich werden Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen wieder so intensiv erlebt, als würde das Ereignis gerade erneut stattfinden.

Das Ziel einer Traumatherapie besteht deshalb nicht darin, das Geschehene zu vergessen. Es geht vielmehr darum, dass eine Erinnerung tatsächlich zu einer Erinnerung werden kann: zu etwas, das zur eigenen Lebensgeschichte gehört, ohne die Gegenwart immer wieder zu überwältigen.

Der Körper wollte handeln – aber konnte nicht

Ein interessanter Blick auf die Entstehung von Traumafolgestörungen kommt aus der modernen neurobiologischen Traumaforschung.

Unser Gehirn ist darauf vorbereitet, auf Gefahr innerhalb von Sekundenbruchteilen zu reagieren. Wir orientieren uns, bereiten Flucht oder Kampf vor, spannen Muskeln an und entwickeln Handlungsimpulse. Unter extremer Bedrohung kann es jedoch geschehen, dass diese aktive Verteidigung nicht mehr möglich ist. Flucht ist unmöglich, Gegenwehr aussichtslos – der Mensch erstarrt.

In der Forschung spricht man von einer Defense Cascade, einer Abfolge biologisch vorbereiteter Verteidigungsreaktionen, die von erhöhter Aufmerksamkeit über Flucht und Kampf bis hin zu Freeze-Reaktionen und tonischer Immobilität reichen kann.

Und damit kommen wir zu einem Phänomen, das wir von traumatisierten Menschen häufig hören:

„Ich wusste genau, was ich hätte tun müssen – aber ich konnte es nicht.“

„Ich hätte nur zur Seite springen müssen.“

„Ich wollte schreien, aber es kam kein Ton heraus.“

„Ich wollte ihn wegstoßen, aber mein Körper hat einfach nicht reagiert.“

„Ich hätte bremsen müssen, aber ich war wie eingefroren.“

Das kann für Betroffene im Nachhinein besonders quälend sein. Denn mit dem Wissen von heute erscheint die damals nicht ausgeführte Handlung manchmal ganz einfach. Daraus entstehen Schuldgefühle und die immer wiederkehrende Frage: Warum habe ich das nicht gemacht?

Aus neurobiologischer Sicht ist es wichtig zu verstehen, dass eine solche Erstarrung keine bewusste Entscheidung und kein persönliches Versagen ist. Unter extremer und unausweichlich erlebter Bedrohung kann die aktive Verteidigung durch eine unwillkürliche Immobilitätsreaktion abgelöst werden.

Einige körperorientierte Traumamodelle gehen noch einen Schritt weiter: Sie nehmen an, dass gerade solche vorbereiteten, aber nicht vollendeten Verteidigungshandlungen für das spätere traumatische Erleben bedeutsam sein können.

Man könnte vereinfacht sagen: Das Gehirn hatte einen Plan – aber der Körper konnte ihn nicht zu Ende bringen.

Das ist sicher nicht die alleinige Erklärung dafür, warum eine posttraumatische Belastungsstörung entsteht. Dafür spielen zu viele weitere biologische, psychologische und soziale Faktoren eine Rolle. Aber es ist ein spannendes Modell – und es eröffnet interessante therapeutische Möglichkeiten.

Reprozessierung: Das Trauma noch einmal bearbeiten

Viele moderne traumatherapeutische Verfahren arbeiten in unterschiedlicher Form mit einer erneuten Aktivierung und Verarbeitung – einer Reprozessierung – der traumatischen Erfahrung.

Beim EMDR wird die belastende Erinnerung gezielt aktiviert und unter bilateraler Stimulation weiterverarbeitet. Körperorientierte Ansätze, wie sie beispielsweise mit der Arbeit von Peter Levine verbunden sind, richten die Aufmerksamkeit besonders auf körperliche Reaktionen, Schutzimpulse und die Regulation des Nervensystems.

Auch in der Hypnotherapie lässt sich mit traumatischen Erinnerungen arbeiten. Trance ermöglicht dabei einen besonderen Zugang zu inneren Bildern, Emotionen und Körperempfindungen.

Eine Möglichkeit besteht darin, über eine Zeitregression noch einmal zu der traumatischen Situation zurückzugehen – allerdings innerhalb eines geschützten therapeutischen Rahmens und mit der Möglichkeit, jederzeit Abstand herzustellen.

Bild für Bild durch das Trauma

Eine klassische Form der hypnotherapeutischen Reprozessierung besteht darin, die traumatische Situation noch einmal möglichst genau durchzugehen.

Der Klient erinnert zunächst den Beginn des Ereignisses und beschreibt, was er sieht, hört und körperlich wahrnimmt. Anschließend wird die Situation langsam weiterverfolgt – manchmal tatsächlich beinahe Bild für Bild.

Dabei geht es nicht darum, einen Menschen möglichst intensiv erneut leiden zu lassen. Entscheidend ist vielmehr, dass die Erinnerung diesmal unter anderen Bedingungen aktiviert wird: in Sicherheit, begleitet durch den Therapeuten und mit der Möglichkeit, das Erleben zu dosieren oder Abstand zu nehmen.

So kann das, was bisher fragmentiert und mit intensiven Emotionen verbunden geblieben ist, erneut verarbeitet und stärker in die eigene Lebensgeschichte integriert werden.

Aber Hypnotherapie bietet noch eine weitere interessante Möglichkeit.

Die Regietechnik: Vom Opfer zum Regisseur

Bei der sogenannten Regietechnik wird die traumatische Erinnerung zunächst ebenfalls aktiviert. Gefühle und Körperempfindungen werden wahrgenommen und können – beispielsweise über eine Affektbrücke – den Zugang zu der zugrunde liegenden Situation erleichtern.

Dann verändert sich jedoch die Perspektive.

Der Klient muss die Situation nicht ausschließlich aus der damaligen Ich-Perspektive durchleben. Er kann innerlich einen Schritt zurücktreten und das Geschehen wie einen Film von außen betrachten.

Und bei diesem Film übernimmt er nun die Regie.

Aus dem Menschen, dem damals etwas widerfahren ist und der möglicherweise keinerlei Einfluss auf das Geschehen hatte, wird in der Vorstellung der Regisseur seiner eigenen inneren Geschichte.

Er darf den Film anhalten. Er darf zurückspulen. Er kann die Geschwindigkeit verändern. Und vor allem kann er überlegen:

Was hätte damals geschehen müssen, damit diese Situation anders ausgegangen wäre?

Vielleicht hätte jemand rechtzeitig eingreifen müssen. Vielleicht hätte Hilfe früher eintreffen müssen. Vielleicht hätte das damalige Ich stärker sein müssen oder Unterstützung gebraucht. Vielleicht hätte es jemanden geben müssen, der schützt, tröstet oder eine Grenze setzt.

In der Regieposition kann der Klient die Szene so verändern, dass eine neue, selbstwirksame Version entsteht.

Ein kleines Beispiel

Stellen wir uns einen Menschen vor, der bei einem schweren Verkehrsunfall auf dem Beifahrersitz saß.

Noch Jahre später sieht er im inneren Erleben das andere Fahrzeug auf sich zukommen. Immer wieder derselbe Moment. Er erinnert sich daran, dass er die Gefahr gesehen hat – und dass er nichts getan hat.

In Trance kann dieser Moment zunächst noch einmal aktiviert werden. Vielleicht taucht sofort wieder das alte Körpergefühl auf: Anspannung im Brustkorb, die Hände werden kalt, der Atem stockt.

Dann geht der Klient in die Regieposition.

Er betrachtet die Szene von außen. Wie ein Regisseur darf er nun entscheiden, was in seinem Film anders geschehen soll.

Vielleicht lässt er sein damaliges Ich laut „Stopp!“ rufen. Vielleicht greift es nach dem Lenkrad. Vielleicht bremst der Fahrer rechtzeitig. Vielleicht steht ihm plötzlich eine Fähigkeit zur Verfügung, die er damals nicht hatte. Bei anderen traumatischen Situationen kann eine schützende Person hinzukommen, ein Angreifer gestoppt oder das damalige Ich aus der Situation herausgeholt werden.

Dabei geht es nicht darum, eine historisch korrekte alternative Vergangenheit zu erfinden.

Es geht um die emotionale Erfahrung von Handlungsmöglichkeit.

Anschließend geht der Klient wieder in die Szene hinein und erlebt sie aus der Ich-Perspektive. Wie fühlt es sich an, diesmal handeln zu können? Was verändert sich im Körper? Was geschieht mit der alten Erstarrung?

Vielleicht ist genau das eine der interessanten Möglichkeiten dieser Technik: Ein Handlungsimpuls, der damals nicht ausgeführt werden konnte, bekommt innerhalb des therapeutischen Erlebens einen Ausgang.

Die Vergangenheit verändern?

Natürlich verändert eine solche Intervention nicht die historische Vergangenheit.

Ein Unfall ist geschehen. Ein Verlust bleibt ein Verlust. Erfahrenes Unrecht wird durch Hypnose nicht ungeschehen gemacht.

Verändert werden kann jedoch die innere Repräsentation des Ereignisses und insbesondere die emotionale Reaktion, die mit dieser Erinnerung verbunden ist.

Nachdem der Klient die Szene aus der Regieposition verändert hat, kann er erneut in den Film hineingehen und die neue Version aus der Ich-Perspektive erleben. Er nimmt wahr, wie es sich anfühlt, wenn Hilfe kommt, wenn Schutz vorhanden ist oder wenn das damalige Ich plötzlich Handlungsmöglichkeiten besitzt, die ihm ursprünglich fehlten.

Anschließend kann wieder in die Regieposition gewechselt und die Szene erneut angepasst werden.

Dieser Wechsel zwischen Distanz und Erleben wird so lange fortgesetzt, bis sich eine stimmige neue emotionale Reaktion entwickelt.

Das Gehirn darf neu lernen

Ein interessanter Erklärungsansatz für solche therapeutischen Veränderungen ist das Konzept der Gedächtnisrekonsolidierung.

Erinnerungen sind nicht einfach unveränderliche Aufzeichnungen, die irgendwo im Gehirn gespeichert werden. Wenn eine Erinnerung aktiviert wird, kann sie vorübergehend wieder veränderbar werden und anschließend unter Einbeziehung neuer Erfahrungen erneut abgespeichert werden.

Für die Traumatherapie ist genau dieser Gedanke faszinierend: Die Vergangenheit selbst bleibt unverändert – aber die Bedeutung und das emotionale Erleben, mit denen sie in der Gegenwart verbunden ist, können sich verändern.

In der Regietechnik wird dieser Prozess noch verstärkt, indem der innere Film beispielsweise mehrfach vorwärts und rückwärts, schneller oder langsamer durchlaufen wird. Die neue Erfahrung wird wiederholt mit der alten Erinnerung verbunden, bis sich die emotionale Reaktion verändert.

Sicherheit kommt vor Konfrontation

Eine solche Arbeit setzt voraus, dass der Klient ausreichend stabil ist und die therapeutische Beziehung Sicherheit bietet.

Hypnotherapeutische Traumatherapie bedeutet deshalb nicht, einen Menschen möglichst schnell in sein schlimmstes Erlebnis zurückzuführen. Im Gegenteil: Vor einer Reprozessierung kann es notwendig sein, zunächst Ressourcen aufzubauen, einen sicheren inneren Ort zu etablieren, Distanzierungsmöglichkeiten einzuüben oder hilfreiche innere Begleiter und Beschützer zu entwickeln.

Der Klient sollte erleben können, dass er die Kontrolle darüber behält, wie nah er an eine Erinnerung herangeht – und wann er wieder Abstand nimmt.

Gerade darin liegt eine Stärke der Hypnotherapie: Sie ermöglicht sowohl intensive emotionale Aktivierung als auch gezielte Distanzierung.

Aus Hilflosigkeit kann wieder Selbstwirksamkeit entstehen

Traumatische Erfahrungen sind häufig durch ein extremes Gefühl von Hilflosigkeit gekennzeichnet. Etwas geschieht, ohne dass der Betroffene es verhindern, kontrollieren oder ihm entkommen kann.

Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Erfahrungen in der therapeutischen Bearbeitung nicht nur, dass die Erinnerung weniger belastend wird.

Sondern dass der Mensch erlebt:

Heute kann ich handeln.

Er kann Abstand nehmen. Er kann sich der Erinnerung annähern. Er kann den inneren Film stoppen. Er kann Unterstützung hinzuholen. Er kann eine Handlung vollenden, die damals nicht möglich war. Und er kann erleben, dass die Gefühle und Körperreaktionen, die ihn vielleicht jahrelang überwältigt haben, veränderbar sind.

Das Geschehene bleibt Teil seiner Biografie.

Aber es muss nicht mehr bestimmen, wie sich seine Gegenwart anfühlt.

Am 26./27.08.2027 bietet Ortwin Meiss bei uns in Binningen sein Seminar "Hypnotherapie bei Trauma und sexuellem Missbrauch" an.

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